Bordsteinschwalbe
„Wie viel?“ fragte er und schaute sich scheu um. Sein Herz klopfte und er konnte hören, wie das Blut in seinen Ohren sauste. Die wenigen Laternen warfen ihr gedämpftes Licht herüber. Hin und wieder vorbeifahrende Wagen. Manche langsam, die Fahrer mit suchenden Blicken, andere flott im natürlichen Verkehrsfluss. Mann konnte schnell unterscheiden, wer hierher fuhr, ganz einfach weil sein Weg ihn zufällig vorbeiführte, oder wer genau diesen Ort suchte.
„Fünfzig“, antwortete sie.
Es hatte zu regnen begonnen. Ein leichter Nieselregen, der sich sanft und stetig auf die Straße legte. Sie stand in einem Hauseingang, in dem sie vor dem Wetter etwas geschützt war.
Drei Mal war er schon die Straße auf und ab geschlendert, bevor er sich hatte durchringen können, sie anzusprechen. Er war noch nie hier gewesen, hatte keine Ahnung wie das alles lief. Eigentlich wusste er nicht einmal genau, was ihn hergetrieben hatte. Lust auf einen Fick – klar! Einsamkeit? – Ein bisschen. Neugierde? – Auch das. Und da war noch irgendetwas anderes, das er sich nicht erklären konnte.
Er war sich nicht sicher gewesen, ob er hier am richtigen Ort war. Er hatte immer nur davon gehört, dass …
Er war dann einfach her gekommen und die Straße entlang gelaufen. Entlang gelaufen, nachdem er zuvor einige Male mit dem Auto vorbei gefahren war! Er hatte sich den Strich anders vorgestellt, aber vielleicht gab es das nur in so großen Städten wie Berlin, Hamburg, oder München. Vielleicht war es aber auch ganz einfach falsch, wie sie es in den Filmen darstellten, wie so vieles, was einem da geboten wurde.
Was musste er nun tun? Wie benahm sich ein Freier, der auf dem Strich eine Frau anmachte? Verdammt, er hatte keine Ahnung.
Das Mädchen sah ihn aus stumpfen Augen an. Ihre Pupillen waren winzig, obwohl es fast dunkel war. Mist, ein Junkie! Was hatte er anderes erwartet? Sie wirkte ein wenig abwesend, aber ihre Augen erschienen ihm nicht nur stumpf, sie hatten auch einen gewissen Glanz, besaßen noch eine gewisse Lebendigkeit, die darauf schließen ließ, dass sie … Ach, was ging es ihn an!
„Was is? Willste nun oder nich?“ Es war, als würde ihre Stimme ihn wieder in die Realität zurückholen. Ihre Hände machten unruhige Bewegungen. Schwer zu schätzen wie alt sie war.
„Wo …?“, fragte er unsicher, aber bevor er die Frage ganz aussprechen konnte, unterbrach sie ihn und fragte: „Wie willste’s denn?“ Sie schien auf einmal viel lebendiger geworden. Er sah sie ein wenig unverständlich an.
Sie wurde ungeduldig.
„Nun – blasen, mit Kondom oder ohne? Willst du ihn mir reinstecken? – Nur mit! Grapschen kostet extra, sonst zieh ich nur die Hose runter. Küssen is nich!“
Was hatte sie gesagt? War er bedröhnt oder sie? Er bemerkte, dass sie zitterte. Ihm gefiel ihre Stimme.
Wieder fuhr ein Auto vorbei, näherte sich langsam, dann fuhr es beschleunigt weiter.
Was sollte er sagen?
„Ich will dich ficken!“, rutschte es ihm raus.
Sie begriff, dass er keine Ahnung hatte.
„Fünfzig“, wiederholte sie, „und ich lass dich ihn reinstecken. Sonst nichts!“
‚Ihn reinstecken!’ Warum war er hierher gekommen? Nun stand er vor einer süchtigen Hure, hatte keine Ahnung wie das ablief und verhandelte mit ihr, ob er ihn ihr ‚reinstecken’ dürfte! Er war nicht einmal geil. Was also zum Teufel suchte er hier? Warum hatte er sich das Ganze nicht vorher überlegt. Er war nicht geil und doch wusste er, dass er hier nicht fortgehen konnte, bevor er ihn ihr ‚reingesteckt’ hätte. Erst jetzt sah er, dass ihre Haare mit feinen Tröpfchen bedeckt waren, die im schwachen Schein der Lampen glänzten. Ihre Haare waren kurz, zumindest nicht lang, und ihre Farbe irgendwie dunkel – er konnte es nicht genau erkennen. Irgendetwas an ihr ließ ihn nicht los, irgendetwas an ihr zog ihn an und hatte ihn zu ihr geführt. Blödsinn!, dachte er … Was dir so alles durch den Kopf geht …
„Hast du’n Auto?“ Er schüttelt den Kopf.
Sie wusste es doch, ein Amateur. In gewisser Hinsicht waren ihr das aber oft die Liebsten. Sie akzeptierten meistens schneller die Konditionen und waren genügsamer.
Er folgte ihr, als sie ihn am Ärmel fasste und ihn mit sich fortzog. Sie gingen in einen verlassenen Hinterhof, wo sie beginnt ihm die Hose zu öffnen.
„Für fünfunddreißig blase ich ihn dir!“ Sie wusste immer noch nicht, was er wirklich wollte. Verflixt, ist der schüchtern, dachte sie. Aber blasen mögen sie alle. Das ist etwas, vor dem ihre Frauen so oft zurückschrecken. – Sie brauchte einen Schuss, und das möglichst bald! Das Nieseln hatte aufgehört, aber die Luft war noch feucht.
Bevor er sich besann, hatte sie sein Glied hervorgeholt und umschloss es mit dem Mund. Ihre Zunge begann zu spielen – er hatte noch nie so plötzlich eine Erektion gekriegt! Fünfunddreißig hatte sie gesagt – fünfzig für einen einfachen Fick. Da kann er sich beides leisten. Das lüsterne Glied reckte sich ihr entgegen. So etwas hatte er noch nicht erlebt! Nun ist er geil! Die Verworfenheit der Situation heizte ihm zusätzlich ein. Und er hatte befürchtet keinen hoch zu bekommen! Der Platz ist dunkel, aber nicht völlig. Durch die Lichter der Stadt gibt es keinen Ort hier, der völlig dunkel wäre.
Plötzlich hielt sie abrupt inne, schaute zu ihm auf und erinnerte ihn fordernd: „Fünfundreißig.“ Er verstand und reichte ihr die geforderte Summe. Wenn sie ihn nur nicht ansteckte. Ihr Gesicht gefiel ihm, ihre Zunge auch, die sich schon wieder seinem Lustzentrum widmete. Er wollte ihren Kopf fassen und ihre Bemühungen um seinen Schwanz unterstützen, aber er traute sich nicht. Sie war geschickt und ihre Zunge gab ihm keine Zeit zum Nachdenken. Im Hintergrund die Geräusche der Nacht. Stimmen, Motoren, eine Sirene. Es dauerte nicht lange, und er entlud sich mit heftigen Zuckungen.
So sehr sie auch die nachlassende Wirkung der Spritze zu quälen beginnt, sie hat es früh genug bemerkt und ihren Mund von ihm zurückgezogen. Nun begleitet sie seinen Schwanz mit heftigen Bewegungen ihrer Finger zur Ekstase. Die Flüssigkeit verspritzt sich ins Dunkel der Nacht.
Gottseidank, dachte sie, sie hatte sich nicht schon wieder in den Mund spritzen lassen müssen! Sie wusste nie, was ihr widerwärtiger war, das Ejakulat auszuspucken oder es herunterzuschlucken. Trotzdem war es immer einfach verdientes Geld, und sie brauchte dringend einen Schuss! Auch für morgen wollte sie vorsorgen, obwohl sie immer mehr bemerkte, wie gleichgültig ihr das Morgen wurde. Sie zitterte, obwohl ihr heiß war. Verfluchte Spritze! Verfluchte Freier! Sie konnte nicht glauben, dass ihr diese Probleme vor vier Wochen noch völlig unbekannt waren. Warum verlangte sie nicht längst auch beim Blasen einen Pariser? Was wusste sie, was die Typen ihr wohl möglich anschleppten? Ein Grund war, dass sie es hasste auf dem Gummi herumzulutschen. Eine Stimme in ihrem Innern flüsterte, dass sie es mochte, sich dem nackten Schwanz eines Mannes hinzugeben, dass es ihr gefiel, die blanke Eichel mit ihrer Zunge zu bearbeiten. Sie hatte sich nie vorgestellt, dass sie es einmal für Geld tun würde. Sie hatte sich nie vorgestellt, was sie alles für Geld tun würde – nur für den nächsten Schuss! Sie hatte immer geglaubt, sie könnte jederzeit damit aufhören, aber dann war alles viel zu schnell gegangen … Anfangs wollte sie einfach nur dieses wundervolle warme und alles durchströmende Gefühl wieder erleben, doch bald ging es nur noch darum, diese verfluchten Entzugserscheinungen mit all diesen Schmerzen loszuwerden. Die Glückseeligkeit des ersten Males hatte sie nie wieder gefunden ...
Sie hatte ihn einfach stehen lassen und war schon fast wieder auf der Straße, als sie seine Stimme zurückhielt: „Warte!“ Sie schaute sich um. Ihre Hände begannen wieder zu zittern. Für den nächsten Schuss hatte sie genug zusammen, aber wenn er noch … und er war ein einfacher Kunde!
„Fünfzig?“, fragte er. Er wunderte sich über seinen Mut, und darüber, dass es sich zwischen den Beinen immer noch regte. Es war, als hätte er jetzt erst richtig Blut geleckt. Irgendwo über der Stadt ein Hubschrauber. Die Stadt war laut. Und doch war es still.
„Ich will dich ficken!“, hörte er sich sagen, während sie auf ihn zuging und er auf sie. Er kramte das Geld hervor, sie nahm es und steckte es ein. Irgendwie war er süß, dachte sie, aber er war genauso verkommen wie sie! Sie packte ein Kondom aus und schob es ihm über – nie würde sie es ohne tun! Er bebte. Ihre Finger! Diese verrufene Situation! Diese kaputte Frau! Sie zog ihren Rock hoch. Darunter war sie nackt.
„Willstes von hinten?“ Das war ihr immer am liebsten. Die Typen waren ihr dann nicht so nah, fand sie. Wie um ihn zu locken, drehte sie sich um und beugte sich nach vorne. Ihr nackter Hintern blitzte ihm im Halbdunkel entgegen. Wie ihre Scham dort aussehen würde, konnte er nur erahnen. Er nahm ihr Angebot an und begann mit der Rute zu schieben. Sie half ihm hinein, als er sich vergeblich mühte. Lüstern drang er in sie ein und begann mit den schiebenden Bewegungen. Ja, er ‚steckte ihn ihr rein’. In diese warme geheimnisvolle Höhle.
Es schmerzte sie. Sie war zu trocken. Verdammt, sie sollte Gleitmittel verwenden! Sonst wäre sie bald völlig wund. Aber fünfzig Kohlen mehr, ging es ihr durch den Kopf! Sie rechnete sich aus, wie oft sie es noch tun musste, um für die ganze Woche genug zu haben. Sie rechnete immer wieder, stellte aber fest, dass ihre Gedanken versagten. Sie schwitzte, und sie wusste genau, dass es nicht vom Bumsen kam. Das war kein Bumsen, das war Geschäft! Als ihr bewusst wurde, wie sehr er sich abrackerte, unterstützte sie ihn mit Bewegungen ihres Beckens. Je schneller er kam, desto besser für sie. Für einen Augenblick überkam sie sogar die eigene Lust, und fast wäre ihr Stöhnen echt gewesen, mit dem sie seine Geilheit anzuheizen trachtete. Das Ziehen an der Vagina ließ nach. Sie begann feucht zu werden.
Er war ihr Typ, stellte sie erschrocken fest, und er hätte sie wirklich anturnen können, wenn er nicht ihr Kunde gewesen wäre, und wenn sie nicht … In was für eine Welt war sie geraten! Es war egal. Fünfzig Froschhäute und, so überkam es sie unverhofft, wenigstens gelegentlich den Hauch von wirklichem Sex, von wirklicher Nähe. Wie lange würde es dauern, bis sie auch dafür jedes Gefühl verloren hatte?
Als er endlich kam, lag darin wenig Ekstase. Sie fühlte es, als er einige Male kurz zuckte, und war erleichtert, dass sein Sperma nicht in sie eindringen konnte. Als es ihn überwältigte, umfasste er ihren Hintern mit eindringlichen Händen und presste ihn an sich. Es war, als gäbe er das letzte bisschen Flüssigkeit mit diesem Akt.
Sie löste sich von ihm, ließ den Rock achtlos von hinunter fallen und verließ endgültig den Hinterhof. Ihr Zittern war so heftig geworden, dass sie wusste, sie würde als erstes einen Schuss besorgen müssen. Sie war nass geschwitzt und kannte es bereits. – Wenn sie es nun versäumte, würde ihr ganz fürchterlich übel werden. Sie zählte das Geld – es würde wenigstens für diesmal reichen. Um die nächsten Tage würde sie sich morgen kümmern …