Callgirl
Sie sah in den Spiegel und betrachtete unwillig die sich mehrenden kleinen Falten. Trotz aller Pflege hatte ihre Haut begonnen welk zu werden, das konnte auch das geschickt aufgetragene Make-up nicht völlig verbergen. Sie nahm ein Pad und begann sich abzuschminken. Sie tränkte zwei Tüchlein und legte sie auf die Augen. Sie ließ sie einen Moment dort liegen damit die Wimperntusche sich löste. Dann begann sie vorsichtig von oben nach unten abzuwischen. Sie wiederholte den Vorgang. Schließlich fuhr sie mit dem übrigen Gesicht fort. Nachdem sie die Reste der Reinigungslotion mit einem weichen, in warmem Wasser getränkten Tuch herunter genommen hatte, behandelte sie die Haut mit einem speziellen Fluid.
Zwanzig Jahre! Zwanzig Jahre war sie nun schon in diesem Gewerbe. Sie hatte nie vorgehabt, es zu einem dauerhaften Beruf zu machen. Anfangs hatte sie das schnelle Geld gelockt und zu einem gewissen Grade hatte sie sich die Freier aussuchen können, zumindest so weit, dass sie nicht mit Männern geschlafen hatte, die ihr zuwider waren.
Sie hatte es einige Jahre machen wollen, nun waren es zwanzig geworden. Wenn sie nicht bald den Absprung schaffte, was sollte aus ihr werden? Eine alternde Hure, die immer weniger die Wahl hatte, die mehr und mehr mit denen vorlieb nehmen musste, die auf ältere Frauen standen, oder mit denen, die sich jüngere nicht leisten konnten? Noch sah sie gut aus, fand sie. Sie trat einige Schritte zurück und betrachtete sich im Spiegel. Ihre Brüste waren straff wie eh und je, ihr Po hing etwas mehr, konnte sich aber immer noch sehen lassen. Vielleicht hatte sie das dem Umstand zu verdanken, dass sie sich so gepflegt hatte, regelmäßig Sport trieb, und auf eine gesunde Ernährung achtete. Außerdem war sie nie schwanger gewesen und hatte wohl von Natur aus ein gutes Bindegewebe. Und sie hatte nie zu viele Kunden empfangen! Sie rechnete nach. Sie kannte sie noch alle, denn sie hatte wählerisch sein können. Einige waren langjährige Kunden gewesen. Und sie war gut bezahlt worden! Warum hatte sie nicht mehr sparen können? Sie hatte es immer vorgehabt, aber ihr Lebensstil war teuer. Wenn sie die Kunden halten wollte, die sie bevorzugte, musste sie sich ihrem Standard anpassen, und das kostete Geld.
Aber nun begann sie in ein Alter zu kommen, wo ihr auch dieser Stil nicht mehr lange weiterhelfen würde. Sie merkte bereits, dass die Klienten weniger wurden. Neulich hatte sie sogar jemanden akzeptiert, den sie nicht mochte, nur weil sie sich den Verdienstverlust nicht leisten konnte. Wie würde das weiter gehen? Sie hatte es doch nur einige Jahre machen wollen! Ihr Traum war es immer gewesen…
Das Telefon klingelte, sie hob ab. Als sie auflegte wurde sie sich bewusst, dass sie ein zweites Rendezvous eingegangen war, dass sie früher abgelehnt hätte.
Mit einem ungewohnten Gefühl von Müdigkeit und Enttäuschung begann sie erneut Make-up aufzulegen, und sich für den späten Kunden zurechtzumachen, obwohl sie doch eigentlich hatte Feierabend machen wollen.