Scham und Verzweiflung 2

Plötzlich stürzte er sich auf sie. Sie war so überrascht, dass sie zunächst nicht wirklich verstand, was vor sich ging. Sie hatte doch nur jemanden gesucht, dem sie sich anvertrauen konnte, und er war immer so verständnisvoll zu ihr gewesen! Sie hatte ihm alles erzählt, was zwischen ihr und Jimmy vorgefallen war. Er hatte ihr zugehört und tröstend ihre Hand genommen. Sie hatte sich so verstanden gefühlt, geborgen!
„Stell dich nicht so an!“, sagte er und drückte ihr seine Lippen auf den Mund. „Das ist es doch, was du willst, oder…!“
„Nein!“, sagte sie verwirrt.
Er schleuderte sie durch den Raum auf das Sofa, sprang hinterher und knöpfte ihre Bluse auf.
„Was soll das?“, brachte sie irritiert hervor, während er gierig ihre runden großen Brüste knetete. Sie wunderte sich, dass es sie erregte, obwohl alles in ihr ihn von sich stieß. Was fiel ihm ein? Wie kam er auf die Idee, so über sie herzufallen? Einen Moment lang kam es ihr vor wie ein dummes Spiel - es musste ein dummes Spiel sein! Sie wollte ihn nicht, nicht dazu!
„Komm, stell dich nicht so an, den ganzen Abend hast du mit mir rumgeflirtet und mich heiß gemacht, jetzt kannst du mich nicht einfach hängen lassen!“, sagte er und hatte den letzten Knopf der Bluse geöffnet, bevor sie es ganz erfasste. Was sagte er da? Es verschlug ihr die Sprache.
„Ich… ich…“, stammelte sie. Er zerriss den BH und betatschte ihre Busen.
„Ich weiß, dass du geil bist“, sagte er. „Schau dir an, wie heiß deine Nippel stehen, also zier’ dich nicht so!“ Er streichelte die Brustwarzen mit dem Daumen. Empört stieß sie ihn von sich. Was bildete er sich ein! Sie wand sich unter seinen Händen fort, baute sich wütend vor ihm auf und nahm die beiden Seiten der Bluse vor die Brust.
„Raus!“, schrie sie ihn an. „Was fällt dir ein! Hau ab! Hau bloß ab! Ich bin doch nicht deine Hure!“
Er grinste. Es war unglaublich, fuhr es ihr durch den Kopf, er fand es tatsächlich witzig! „Grins nicht so blöd! Ich finde es gar nicht lustig, ehrlich!“ Sie kochte. Sie lief zur Tür und hielt sie ihm auf.
„Sei doch nicht so“, sagte er, erhob sich und kam auf sie zu. „Ist ja schon gut, ist ja schon gut!“ Unschuldig machte er mit den Händen eine abwehrende Geste. „Ich geh ja schon.“ Sie funkelte ihn immer noch wütend an.
„Ich hab’s nicht so gemeint“, erklärte er ihr, als er vor ihr stand. Er trat ganz nah an sie heran. Sie zog ihren Kopf zurück. Er trat noch etwas näher und sah ihr spöttisch in die Augen. „Nur einen Abschiedskuss!“, flüsterte er und küsste sie auf die Lippen. Eine Hand fasste dabei zwischen ihre Beine. Bevor sie richtig mitbekommen hatte, was er beabsichtigte, hatte er sie gegen die Tür gedrückt und presste sich an sie. Sie entwand sich und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Sein süffisantes Lächeln verschwand in einem Augenblick. Sie konnte sehen, wie seine Halsschlagader anschwoll und sein Gesicht rot wurde. Er knallte die Tür zu und schlug ihr mit der Hand ins Gesicht. Erst links, dann rechts. Sie taumelte und sah ihn entsetzt an. Im nächsten Augenblick stürzte er sich auf sie, riss ihr die Bluse vom Leib und schubste sie auf den Boden. Dann ging alles sehr schnell. Sie schlug mit dem Kopf auf und ihr wurde schwindelig. Er zog ihr geschickt die Hose aus, als hätte er Übung darin, es flink und gegen den Willen der Betroffenen zu tun. Als sie den Mund öffnete um zu schreien, boxte er ihr mit der Faust in den Magen. Ein nie gekannter Schmerz erfüllte ihren Leib, dass sie aufschrie.
„Halts Maul!“, fluchte er und schlug ihr noch einmal mit aller Kraft in den Bauch. Sie krümmte sich und ihr drohte schwarz vor den Augen zu werden. Dann geschah etwas Merkwürdiges. Es war, als tauche sie in eine andere Welt ein und verließe ihren Körper. Sie sah sich dort liegen und vor Schmerzen krümmen, während er brutal in sie eindrang, aber sie fühlte es nicht. Es war, als wäre sie die unbeteiligte Zuschauerin in einem langweiligen Film. Sie sah, wie die Frau dort sich wand und der Mann sie mit Gewalt und Rücksichtslosigkeit nahm. Sie sah, wie er wieder und wieder auf sie einschlug, als sie vor Entsetzen aufschrie. Doch es war nicht sie, der man dies antat. Sie war der Racheengel, der jede kleine Einzelheit aufnahm, scheinbar emotionslos, aber ohne Gnade. Denn er würde nichts vergessen, auch wenn er nichts mehr empfand. Dafür hatte Gott ihm seine Gefühle genommen, dass er ohne jede Beeinflussung, ohne innere Beteiligung Rache an denen nahm, die gegen seine Gesetzte verstießen
Als es vorbei war und er sie achtlos hatte auf dem Boden liegen lassen, hatte sie sich notdürftig angezogen und war zu einem Arzt gegangen. Dann hatte sie einen Anwalt angerufen und war mit ihm gemeinsam zur Polizei gegangen. Unendliche Fragen, unendliche Antworten. Es war ihr egal. Alles war egal geworden, denn sie handelte nun für eine andere. Sie empfand keine Scham, trotz der peinlichen Fragen – auch nicht später vor Gericht, als der Anwalt ihre blauen Flecke präsentierte, ihre aufgerissene Lippe, und die schweren Verletzungen an ihren Genitalien beschrieb.
Erst als der Richter den Freispruch verkündete, weil es nicht nachweisbar war, dass sie nicht, wie der Beschuldigte zu Protokoll gegeben hatte, einer Saldo-masochistischen Neigung gemäß und in Einstimmung mit den Handlungen des Beklagten geschwängert worden war, brach das Ganze erlittene Unheil in vollem Maße über sie herein. Der Gerichtssaal drehte sich und sie wurde ohnmächtig.
Als sie zu Hause erwachte, starrte sie wie abwesend an die Decke. Dumpf erhob sie sich und öffnete die Tür zum Balkon, um frische Luft zu schnappen. Was man am anderen Tag von ihrem Tod in der Zeitung schrieb, das berührte sie dann wirklich nicht mehr.